Unsere besonderen Kinder

Schon die erste, 1919 in Stuttgart gegründete Waldorfschule war als eine Schule für sehr verschiedene Kinder geplant und verwirklicht. Mädchen und Jungen (was damals nicht üblich war) sowie Arbeiterkinder und Kinder des Bildungsbürgertums lernten zusammen.Bilder

Auch einige Kinder waren dabei, die nach heutiger Definition „sonderpädagogischen Förderbedarf“ hätten. Rudolf Steiner richtete nun für diese Kinder eine besondere „Hilfsklasse“ ein. Dies kann man als eigentliche Geburtsstunde der heilpädagogischen Waldorfschulen ansehen.

Denn in der Praxis hatte es sich erwiesen, dass man in den großen Klassen den besonderen Kindern nicht gerecht werden konnte. Steiner vertraute diese Aufgabe einem Lehrer an, dem besondere Herzenskräfte und Menschliebe zu eigen waren, allerdings nicht im Sinne von falschem Mitleid: Karl Schubert. Steiner charakterisierte Schuberts heilpädagogische Qualität als eine Liebe, die „bei den Kindern nichts moralisch nimmt“.

In dieser Hilfsklasse sollten die Kinder nach dem gleichen, der Kindesentwicklung abgelesenen Lehrplan unterrichtet werden wie ihre Altersgenossen. Die Themen müssen jedoch, durch die seelischen Kräfte des Lehrers vermittelt, in intensiverer und individualisierter Form behandelt werden. Wenn der heilpädagogische Lehrer seinen Kindern etwas darstellt, dann müsse er „die Berge berger, die Flüsse flüsser machen“, so fasste Schubert seine Methode zusammen. Einem geistig behinderten Kind muss das römische Rechtssystem oder die Entstehung des Faltengebirges anders nahegebracht werden als einem erziehungsschwierigen Kind. Phantasie des Lehrers ist gefragt, um den Stoff plastisch zu machen auch für Kinder mit sehr begrenzten sprachlichen und intellektuellen Möglichkeiten.

Im Jahr 1924 hielt Steiner dann seinen „Heilpädagogischen Kurs“ und stellte gleich im ersten Vortrag klar, dass es keinen Sinn macht, „über die Normalität oder Abnormalität des kindlichen Seelenlebens oder menschlichen Seelenlebens überhaupt zu reden“. Denn in jedem Menschen sitzt „irgendwo in einer Ecke eine sogenannte Unnormalität“. Auch hierin war Steiner also – zu einer Zeit, in der behinderte Menschen noch als „minderwertig“ gesehen wurden – Vorreiter moderner Ansichten. Er entwickelt in seinem Kurs dann eine Systematik, wie man Behinderungen nicht als medizinische „Defekte“ zu sehen hat, sondern als Verstärkung von Tendenzen, die jeder Mensch auch in sich hat und spürt. Damit beginnt für den Lehrer die Möglichkeit, zu verstehen und zu helfen.Bilder

In einer überschaubaren Umgebung können sich Kinder individueller ausleben. Wir haben uns daher, wie auch einige vergleichbare Waldorf-Förderschulen, für ein Konzept entschieden, das die wichtigsten Förderschwerpunkte übergreift. Dadurch können die Kinder sich in ihrer Verschiedenheit wunderbar ergänzen und helfen. Ein verhaltensauffälliges Kind, dem der Konkurrenzdruck an einer Regelschule enormen Stress gemacht hat, entdeckt plötzlich ganz andere Seiten an sich, wenn es einem Kind mit Down-Syndrom helfen kann. Wer hilft hier wem? Die Hilfe ist gegenseitig, auch wenn es den Kindern nicht bewusst wird.

Ein künstlerischer Unterricht, den der Lehrer mit Blick auf die verschiedenen Kinder vielfältig variiert, aber so, dass immer auch das Gemeinschaftserleben erhalten bleibt: dies wirkt selbst „heilend“ auf die Kinder. Denn die Behinderungen der Kinder sind ja nur Einseitigkeiten der Persönlichkeitsausprägung, wie sie jeder von uns in leichterer Form auch an sich hat.