Was heißt „Sozialgestalt“?

Unsere Schule ist, wie jede Waldorfschule in Deutschland, eine Schule in freier Trägerschaft. Die Pädagogik, aber auch die Verwaltung und die wirtschaftliche Verantwortung für den gesamten Schulkomplex liegt nicht in der Hand öffentlicher Körperschaften (meist Kommune als Schulträger; Land als Schulaufsicht, Personalkostenträger und Gestalter der Unterrichtsvorgaben), sondern in der Verantwortung einer lokalen Gemeinschaft, die nicht privatwirtschaftliches Gewinninteresse verfolgt, sondern als gemeinnütziger Verein organisiert ist, genauer gesagt als zwei Vereine. Denn die Bestimmungen zur Refinanzierung von Schulgebäuden im NRW-Schulgesetz legen nahe, dass es einen Förderverein als Eigentümer und einen Trägerverein als Mieter gibt. Diese Trennung hat also einen äußerlich-juristischen Grund. Was wir als einheitliche Schulgemeinschaft meinen, drückt sich dann auch im gemeinsamen Tagen von Mitgliederversammlung und Vorstand aus.

Wie aber laufen Entscheidungsfindungsprozesse in diesen eher von außen gegebenen Strukturen?Bilder

Die „Erfindung“ der Waldorfschule im Jahr 1919 war nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine soziale Innovation, die bis heute wirkt und zukunftsträchtig ist. Sie geschah im Zusammenhang mit Steiners Ideen zur „Dreigliederung des sozialen Organismus“. Mit diesen Ideen wollte Steiner nach der Katastrophe des 1. Weltkrieges Perspektiven auf eine positivere soziale Zukunft eröffnen. Ein Element seiner Konzeption war die Forderung nach einem „freien Geistesleben“. Dies bedeutet, dass in allen Lebensbereichen, wo die Kreativität von Menschen gefragt ist, die Strukturen so gestaltet werden müssen, dass diese Kreativität sich auch ausleben kann. Denn Kreativität ist etwas anderes als das egoistische Verfolgen eigener Interessen und verwirklicht sich meist als soziale Intelligenz.

Die Waldorfschulen sind Orte, an denen versucht wird, diese Kreativität zu leben. Oberstes Prinzip in allen pädagogischen und sonstigen Aufgabenfeldern einer Gemeinschaft ist: Wer eine Aufgabe übernimmt und von der Gemeinschaft das entsprechende Vertrauen erhält – wofür u.a. seine Kenntnis der wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen unerlässlich ist –, hat auch die Entscheidungskompetenz in diesem Aufgabenbereich. Dies kann sich auf „Ämter“ einzelner Personen beziehen; doch meistens sind es Gremien bzw. „Kreise“, die die Vorzüge gemeinschaftlichen Arbeitens nutzen. Innerhalb solcher Kreise wird meist das Prinzip der sogenannten „Einmütigkeit“ angewendet: da es nicht um Macht und Eigeninteressen, sondern um das Gelingen des Ganzen geht, wird bei Meinungsverschiedenheiten nicht vorschnell abgestimmt, sondern versucht, einen Konsens zu erreichen, dem jeder aus wirklich freiem Herzen zustimmen kann. Wer dabei nachgibt, übt die Kraft der „produktiven Resignation“ (Stefan Leber) und ist mit ihr weiterhin am Ganzen verantwortlich beteiligt.

So verstehen sich Waldorfschulen als selbstverwaltete, nicht-hierarchische Gemeinschaften. Steiner sprach das bei der Gründung der ersten Waldorfschule, am Vorabend des Kurses über „Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik“, gegenüber dem Kollegium so aus: „Jeder muss seine volle Persönlichkeit einsetzen von Anfang an. – Deshalb werden wir die Schule nicht regierungsgemäß, sondern verwaltungsgemäß einrichten und sie republikanisch verwalten. In einer wirklichen Lehrerrepublik werden wir nicht hinter uns haben Ruhekissen, Verordnungen, die vom Rektorat kommen, sondern wir müssen hineintragen [Unklarheit im Stenogramm: in uns tragen?] dasjenige, was uns die Möglichkeit gibt, was jedem von uns die volle Verantwortung gibt für das, was wir zu tun haben. Jeder muss selbst voll verantwortlich sein. – Ersatz für eine Rektoratsleistung wird geschaffen werden können dadurch, dass wir diesen Vorbereitungskurs einrichten und hier dasjenige arbeitend aufnehmen, was die Schule zu einer Einheit macht. Wir werden uns das Einheitliche erarbeiten durch den Kurs, wenn wir recht ernstlich arbeiten.“

Dies ist mit „Sozialgestalt“ gemeint. Was Steiner hier auf das Lehrerkollegium von 1919 bezog (die erste Waldorfschule wurde wirtschaftlich noch von der Zigarettenfabrik „Waldorf-Astoria“ getragen), gilt für die Schule insgesamt: „was die Schule zu einer Einheit macht“, entspringt der Orientierung aller Beteiligten an den Zielen der Waldorfpädagogik. In diesem lebendigen Organismus gibt es keinen Schulleiter. Zur Vertretung der Schule nach außen benennt das Kollegium der Johanna-Ruß-Schule zwei Vertreter als Schulsprecher.

Die genannten Aspekte spiegeln sich in § 6 und §7 der Satzung unseres Trägervereins:

§ 6 Grundsätze der Pädagogik

(1) Ausgehend von der Tatsache, dass das gesamte Leben heute von einer Pluralisierung und Individualisierung gekennzeichnet ist, zentrale Orientierungen ihre Richtkraft verlieren und bewährte soziale Formen zerbrechen, wollen die im Verein zusammengeschlossenen Erziehungsberechtigten sowie die Lehrer/innen und Mitarbeiter/innen der Johanna-Ruß-Schule eine Gemeinschaft bilden, die es Kindern, die besonderer pädagogischer Betreuung bedürfen, ermöglicht, ihre Persönlichkeit voll zu entfalten.

(2) Grundlage dafür ist eine intensive Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus. Erziehungsberechtigte sowie Lehrer/innen und Mitarbeiter/innen finden sich schicksalhaft zusammen und sind aufgefordert, miteinander zu lernen und um die richtigen Wege zu ringen.

(3) Die Arbeit der Gemeinschaft hat ihre Grundlage in der Waldorfpädagogik Rudolf Steiners, im Prinzip des praktischen Lernens, der anthroposophisch erweiterten Medizin und in den Grundprinzipien der Gemeinschaftsbildung:

- in einer vertrauensvollen, den andern achtenden Grundhaltung,
- im Üben des Zuhörens im Gespräch,
- im Vermeiden vorschneller Urteile.

§ 7 Grundsätze der Selbstverwaltung

(1) Die Teilnahme an der Mitarbeit im Schulleben soll Erziehungsberechtigte, Lehrer/innen und Mitarbeiter/innen befähigen, am Gemeinwohl mitzuwirken. Mitarbeit in Arbeitskreisen heißt, sich verbinden mit einer Teilaufgabe, die das Ganze betrifft. Dieses Sichverbinden bringt ein intensives Erleben des Ganzen in seiner zukünftigen Gestalt. Die gegenseitige Wahrnehmung der Arbeit des Anderen setzt Vorurteilslosigkeit und Bescheidenheit im Umgang voraus. So entsteht gemeinsames Gespräch. Vielfach neue Entwicklungen können wachsen und Entscheidungen bewusst, mutig und verantwortungsvoll gefällt werden.

Im folgenden werden die einzelnen Gremien vorgestellt, die es im Schulorganismus der Johanna-Ruß-Schule gibt. Entsprechend zu den genannten Gesichtspunkten ist die strukturelle Verbindung zwischen ihnen nicht hierarchisch, sondern netzwerkartig. Wir beginnen aber mit einer Darstellung dessen, wie die Mitarbeit der Eltern an unserer Schule zu verstehen ist. Denn sie tragen die Schule entscheidend mit.