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Leben und Wirken unserer Namensgeberin
Johanna Ruß war eine willensstarke, geradlinige Persönlichkeit, die
sich mit Konsequenz für die Heileurythmie und Heilpädagogik einsetzte.
Der Vater war als Feinmechaniker Mitarbeiter der Firma Zeiß. Die
Mutter stammte aus gutbürgerlichem Hause, in dem das Musikalisch-
Künstlerische gepflegt wurde. Sie war Pianistin, pflegte Kontakte zu Elly
Ney, die in ihrem Hause gelegentlich Konzerte veranstaltete. So war es
fast selbstverständlich, dass die Töchter Hilde und Johanna sowohl Geige
als auch Klavier spielen lernten.
Nach der Schulzeit studierte Johanna zunächst Musik in Leipzig, brach das Studium jedoch ab und machte eine Eurythmieausbildung bei
Alice Fels in Stuttgart.
Bereits 16-jährig hatte sie über die Haaß-Berkow-Gruppe erste
Begegnungen mit der Anthroposophie und lernte bald darauf auch Rudolf
Steiner kennen. Sie erlebte ihn in den vielfältigsten Situationen: bei dem
Ringen um die Gesellschaftsprobleme, die dann zur Gründung der Freien
Gesellschaft führten, deren Mitglied sie wurde, bei zahlreichen Vorträgen,
bei der Weihnachtstagung. Sie nahm am Sprachgestaltungskurs (GA 282)
im Haus Hansi teil, wo sie das Missfallen von Marie Steiner erregte
wegen ihres thüringischen Dialektes, der der „Verderber jeder
anständigen Sprache“ sei.
Zurückgekehrt nach Jena erteilte sie Eurythmiekurse in der Stadt und
arbeitete eurythmisch mit der Studentengruppe um Friedrich Kübler.
Diesem Kreise gehörten zahlreiche Menschen an, die später durch ihr
Wirken in anthroposophischen Tätigkeitsfeldern hervortraten: Wilhelm
Dörfler, Karl Ege, Friedrich Hiebel, Heinrich und Wilhelm Wollborn,
Gerbert Grohmann, Ernst Weißert u.a.
Bald wurde sie an den noch jungen Lauenstein gerufen. Hier erkannte
sie ihre Lebensaufgabe: die heilpädagogische Arbeit mit Kindern. Dies
erforderte die Notwendigkeit, heilemythmisch wirken zu können, und so
ging sie zur Ausbildung zu Julia Bort-Pache an den Sonnenhof nach
Arlesheim. Auf Wunsch Ita Wegmans blieb sie am Sonnenhof. Edmund
Pracht beteiligte sie an der Entwicklung der Leier. Sie beherrschte das
Instrument so ausgezeichnet, dass sie an großen Tagungen mitwirken
konnte. Es entstand eine tiefe Beziehung zu Ita Wegman.
1939 bat Ita Wegman sie, mit den meistgefährdeten Kindern nach
Brissago zu gehen, wo sie bis 1963 tätig war.
Hier und schon zuvor am Sonnenhof entstanden die „Ball- und
Reifenspiele“ und zahlreiche musikalische und kleine poetische
Schöpfungen, die alle aus der Arbeit für die Kinder geschaffen sind. Sie
sind anspruchslos, aber pädagogisch außerordentlich hilfreich.
Herausragend ist die Vertonung des Olaf Åsteson, die ihren Weg durch
die Welt gemacht hat und bis heute in vielen heilpädagogischen
Einrichtungen zur Jahreswende aufgefihrt wird. Sie entstand im
Miterleben von Sterben und Tod von Elisabeth Götte während der zwölf
heiligen Nächte. Eine andere viel unbekanntere Komposition ist die
„Kappellenmusik“, die sie flir die Beisetzung der Urne Ita Wegmans auf
der Motta in Brissago komponierte. Sie ist eine Vertonung des
Rosenkreuzer-Spruches. Später erklang sie auch bei Urnenbeisetzungen
von verstorbenen Mitarbeitern oder Kindern.
Zahlreiche kleine und größere Kompositionen entstanden zu Jubiläen
(z.B. dem 50. der Ita Wegman-Klinik), zu Gmndsteinlegungen sozialer
Einrichtungen und anderem. Es gab kein Weihnachtsfest und keinen
Geburtstag im großen Freundeskreis, zu dem nicht als Gruß ein kleiner
Kanon oder Ähnliches erschien.
Über 60-jährig ging sie mit anderen Mitarbeitern ins Ruhrgebiet, um
dort – wo die sozialen Nöte besonders groß sind – eine neue
heilpädagogische Einrichtung zu begflinden: das Christophems-Haus.
Hier hat sie entscheidend beim Aufbau mitgewirkt und sich sofort aktiv in
das Leben der Gesellschaft und der anthroposophischen Initiativen
hineingestellt. Als Johanna Ruß starb, umfasste das Christopherus-Haus
einen Kindergarten, zwei Schulen in Dortmund und Bochum, große
Werkstätten, kleine Erwachsenen-Wohnheime und ein Kinder- und
Jugendwohnheim, das heute ihren Namen trägt.
Für Generationen von jüngeren Mitarbeitern war Johanna Ruß Vorbild
durch die Entschiedenheit ihres Willens, die Geradlinigkeit ihres
Handelns und ihre Treue zur Aufgabe bei größter persönlicher
Anspruchslosigkeit.
Bis einen Tag vor ihrem Tode war sie aktiv im Schulbereich tätig.
Ingrid Küstermann
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